Gefäßverkalkung beginnt früher als gedacht – und bleibt lange unsichtbar
Eine große dänisch-spanische Studie liefert Zahlen, die aufhorchen lassen: Mehr als die Hälfte aller scheinbar herzgesunden Erwachsenen hat bereits Ablagerungen in den Gefäßen – viele davon ohne jedes Symptom und ohne es zu wissen.
Atherosklerose gilt gemeinhin als Alterserscheinung. Die kürzlich auf dem ESC-Kardiologiekongress in München vorgestellte und im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte REACT-Studie zeichnet indes ein deutlich beunruhigenderes Bild: Unter mehr als 16.800 Erwachsenen aus Dänemark und Spanien, die keinerlei bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten, wiesen 57 Prozent bilddiagnostisch nachweisbare arteriosklerotische Plaques auf – stumme Gefäßveränderungen, die sich jahrzehntelang unterhalb jeder klinischen Wahrnehmungsschwelle entwickeln können, bevor sie als Herzinfarkt oder Schlaganfall in Erscheinung treten.
Besonders markant: Die Verkalkungen ließen sich bereits bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren nachweisen – bei rund jedem 13. Teilnehmer dieser Altersgruppe. Mit zunehmendem Alter stiegen die Prävalenzraten deutlich und zeigten ausgeprägte geschlechtsspezifische Muster.
Zahlen, die wachrütteln sollten
„Was mich besonders alarmiert: Schon bei den 40-Jährigen zeigen etwa die Hälfte der Männer und rund ein Drittel der Frauen nachweisbare Gefäßveränderungen – ohne einen einzigen Hinweis darauf wahrzunehmen“, kommentiert Dr. Rüdiger Zorn, Kardiologe und Internist in der Kranoldpraxis in Berlin-Lichterfelde. „Wer sich mit 40 fit fühlt und keine Beschwerden hat, geht davon aus, dass sein Herz-Kreislauf-System in Ordnung ist. Diese Studie zeigt, wie trügerisch dieses Gefühl sein kann.“
Die Forscher stellten zudem fest, dass die gängigen Risikokalkulatoren wie der SCORE2 diese subklinische Atherosklerose in weiten Teilen nicht erfassen: Unter den Betroffenen mit nachgewiesenen Plaques wurden lediglich knapp 2 Prozent der unter 70-Jährigen ohne Diabetes als Hochrisikopatienten eingestuft. Das bestehende Screening-System übersieht also systematisch, wen es eigentlich schärfer im Blick haben sollte.
Bildgebung als Schlüssel zur Frühprävention
Die REACT-Autoren um Prof. Henning Bundgaard vom Rigshospitalet Kopenhagen schließen daraus, dass bildgebende Verfahren – insbesondere Ultraschalluntersuchungen der Hals- und Beinarterien – künftig eine größere Rolle in der kardiovaskulären Frühprävention spielen sollten. Die Halsgefäße sind dabei von besonderem Interesse: Koronare Plaques traten in der Studie kaum isoliert auf, sondern fast immer gemeinsam mit peripheren Gefäßveränderungen; umgekehrt wies das Ausmaß peripherer Plaques einen engen Zusammenhang mit dem Risiko für Herzkranzgefäßerkrankungen auf.
Patienten der Kranoldpraxis, die eine solche Untersuchung zur persönlichen Risikoeinschätzung wünschen, können kurzfristig einen Termin für die Doppler-Sonografie der Halsgefäße erhalten. Die Kosten werden allerdings nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sodass es sich um eine Selbstzahler- bzw. Privatleistung handelt.