Neuer, geschärfter Blick auf Adipositas

Bisher wird Fettleibigkeit zumeist allein anhand des BMI definiert und nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Ein internationales Expertenkomitee möchte das ändern.

Rund fünf Millionen Todesfälle jährlich werden weltweit mit Adipositas (Fettleibigkeit) in Verbindung gebracht. Die Zahl dürfte deutlich steigen, denn immer mehr Menschen wiegen zu viel. Umso drängender stellt sich die Frage, wie die Medizinerschaft mit Adipositas umgehen sollte. Konkret: Handelt es sich dabei um eine behandlungsbedürftige, eigenständige Krankheit? Und ist jeder stark übergewichtige Mensch gleich gefährdet?

Die bisher gängigen Antworten darauf stellen viele Forscher und Praktiker nicht zufrieden. 58 von ihnen haben sich daher 2022 in einem Komitee zusammengeschlossen und zwei Jahre lang über eine Neudefinition und -einordnung von Adipositas beratschlagt. Die Erkenntnisse und Vorschläge der aus 50 Ländern stammenden Wissenschaftler wurden kürzlich im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht.

Der BMI-Wert sagt nicht die ganze Wahrheit
Weitverbreitet ist die Diagnose per Body Mass Index (BMI): Adipös ist demnach, wer einen BMI-Wert von über 30 aufweist. „Dieser Wert ist zwar ein starker Indikator, jedoch lässt sich ihm nicht entnehmen, ob jemand krank ist bzw. ein stark erhöhtes Sterberisiko hat“, erklärt der Kardiologe und Internist Dr. Rüdiger Zorn von der Kranoldpraxis in Berlin-Lichterfelde (nicht am Komitee beteiligt). „Für eine Diagnose und gegebenenfalls eine Behandlungsplanung spielen einige weitere Faktoren eine wesentliche Rolle.“

Das sieht auch die internationale Expertenrunde so. Ihr zufolge birgt die Fokussierung auf den BMI die Gefahr einer Überdiagnose, da ein Wert über 30 nicht immer mit funktionellen Veränderungen von Organen und Gewebe einhergeht. Sie schlägt daher vor, zusätzlich Kriterien wie Körperfett, Taillenumfang und Taille-Hüfte- bzw. Taille-Körpergröße-Verhältnis heranzuziehen. Auch das reiche allerdings noch nicht, um zu entscheiden, ob medizinischer Behandlungsbedarf vorliegt.

Präklinische und klinische Adipositas
Die Frage, inwieweit Adipositas Krankheitswert hat, beantwortet das Expertenkomitee mit dem Vorschlag, zwischen präklinischer und klinischer Adipositas zu differenzieren. Letztere sollte demzufolge als Krankheit gelten, da sie schwere Schäden an Endorganen bewirken und zu einem verfrühten Tod führen kann. Zur Diagnose sollten bei Erwachsenen 18 und bei Kindern und Jugendlichen 13 Kriterien geprüft werden, die im Gesamtbild erkennen lassen, ob Organ- und Gewebefunktionen durch die Adipositas beeinträchtigt werden. Ein solcher geschärfter Blick ermögliche eine zielgenauere und effizientere Verwendung medizinischer Ressourcen.